Über Boxer und Taxifahrer

BROADVIEW-Geschäftsführer Leopold Hoesch gab der Funkkorrespondenz ein ausführliches Interview, das hier nachgelesen werden kann. In den Textkolonnen auf der Funkkorrespondenz-Seite finden sich folgende zentrale Aussagen von Leopold Hoesch:

Über das bisher größte BROADVIEW-Filmprojekt „Klitschko“:

Sebastian Dehnhardt und Leopold Hoesch mit den Vitali und Wladimir Kltischko

Sebastian Dehnhardt und Leopold Hoesch mit den Vitali und Wladimir Kltischko

Ich war mir mit meinem Partner, dem Regisseur Sebastian Dehnhardt, von Beginn an einig, aus dem Stoff einen klassischen Kinofilm zu machen. Denn uns war klar: Sobald wir uns mit einem Sender einlassen, wird man uns zwingen, eine herkömmliche Fernsehdokumentation zu drehen – was wir auf keinen Fall wollten. Also haben wir den Film komplett unabhängig finanziert. Natürlich in der Hoffnung, die Produktion dann nach der Kinoauswertung an möglichst viele Fernsehsender im In- und Ausland verkaufen zu können. Keine risikolose Strategie. (…)  „Klitschko“ ist der erste deutsche Film, der jemals an den amerikanischen Pay-TV-Sender HBO verkauft wurde und der dort in deutscher Sprache mit englischen Untertiteln zu sehen war. Auch ist mir kein unabhängiger deutscher Dokumentarfilm bekannt, der – wie „Klitschko“ – von einem Hollywood-Studio vertrieben wird. Und dass deutsche Kino-Dokus die Filmförderung zurückbezahlen, ist, glaube ich, auch eher die Ausnahme. (…) Als wir die Bankkredite für die Produktion aufgenommen und mit persönlichen Bürgschaften besichert haben, war der Verkauf ans deutsche Fernsehen in unserer Kalkulation so etwas wie eine „g’mahde Wies’n“, um es mal auf gut Bairisch zu sagen. Schließlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt mit mehreren deutschen Sendern bereits lange Jahre erfolgreich zusammengearbeitet und auch fast alle relevanten Preise schon einmal gewonnen. Der heutige Stand der Dinge sieht allerdings so aus, dass „Klitschko“ dank Universal Pictures praktisch in jedem Land der Welt gesendet wird, nur nicht in Deutschland. (…) Doch wir wollten nun mal aus diesem ‘betreuten Wohnen’ der gängigen Finanzierung durch Fernsehgelder ausbrechen. Wir haben dabei viel gelernt, etwas verdient und fühlen uns gestärkt, das jetzt gleich noch einmal zu machen, und zwar mit unserem neuen Projekt „Der perfekte Wurf – Die Dirk Nowitzki Story“.

Über das öffentlich-rechtliche System in Deutschland:

Wir haben es bei den deutschen Sendern mit sehr engagierten und kompetenten Redakteuren zu tun. Angesichts der Qualitäten des deutschen Fernsehens in der Breite und in der Tiefe muss man sich im internationalen Vergleich überhaupt nicht verstecken. In diesem System als Dokumentarfilm-Produzent zu arbeiten, ist eine überaus privilegierte Position. Wenn Sie in diesem gut funktionierenden System allerdings einmal ihren zugewiesenen Platz verlassen möchten, wird es komplizierter – Oligopol halt. (…)  Ich empfehle all diesen Klagenden einen Besuch im Ausland. Wenn man sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den USA, in Frankreich, Italien oder im stets so gepriesenen Großbritannien anschaut, dann wird schnell deutlich, dass unser Fernsehen hinsichtlich seiner Breite und Tiefe absolut einmalig ist. Es gibt spezielle Leuchttürme, die vielleicht anderswo noch heller leuchten, doch das sind Einzelsegmente. Leider ist den meisten Gebührenzahlern überhaupt nicht bewusst, welch tolles Fernsehen sie mit ihrem Geld finanzieren. (…) Die Tatsache, dass dieses Fernsehen gut ist, heißt ja nicht, dass man es für das nicht gerade knappe Gebührenaufkommen, das an die Sender fließt, nicht noch besser machen könnte. Für Sparzwänge beim Programm habe ich, ehrlich gesagt, kein Verständnis. Nur aus meiner eigenen Beobachtung heraus sind bei den Dokumentationen die Budgets in den letzten Jahren um zirka 25 Prozent gesunken.

Über das Verhältnis zwischen Produzent und Sender:

Wir Produzenten müssen raus aus dieser Taxifahrer-Mentalität der Auftragsproduktionen. Die geht so: Kunde steigt ein, sie fahren ihn von A nach B, Kunde zahlt und Kunde steigt aus – Geschäft erledigt. Produzenten müssen Anreize haben, echte Unternehmer zu werden. Diese Anreize suchen sie im deutschen Fernseholigopol, liebevoll umschrieben als duales System, meist aber erfolglos. Solange die Sender auf dem Total-Buyout-Prinzip beharren, wonach Produzenten alle, wirklich alle Rechte an einer Produktion abtreten müssen, kann da kein echtes Unternehmertum, geschweige denn Wettbewerb entstehen. Was ARD und ZDF da über Jahre in ihren Schubladen horten, wird totes Kapital. Wenn man dieses Kapital von Anfang an bei den Produzenten beließe, könnten die damit wirtschaften und beginnen, echte Unternehmen zu werden, die auch den deutschen Markt besser machen würden. So jedoch stehen wir deutschen Produzenten international fast immer mit leeren Händen da und werden dafür eigentlich belächelt. Wenn man bedenkt, wie viel Geld in den deutschen Dokumentarfilm investiert wird und dass er gleichzeitig trotz seiner allseits anerkannten Qualitäten auf dem internationalen Markt so gut wie keine Rolle spielt, ist das ein ungesundes Missverhältnis. Und das hat nichts mit dem immer wieder angesprochenen Sprachproblem zu tun. Wir haben 2003 die Trilogie „Stalingrad“ produziert, bei der es uns ausnahmsweise gelungen ist, die Rechte zu behalten. Diesen Doku-Dreiteiler haben wir seitdem in 80 Länder verkauft und wir legen ihn zum 70. Jahrestag 2013 gerade neu auf. (…)  Es ist ein kleiner Fortschritt, dass sich die Produzenten zu einer Allianz zusammengeschlossen haben und nun mit einer Stimme sprechen. Das hat zwar fast 20 Jahre gedauert, es stärkt nun aber zumindest unsere Verhandlungsposition. Es gibt so etwas wie eine Politik der kleinen Schritte, doch ein Durchbruch ist da noch lange nicht in Sicht. Dabei wäre der Rechteverbleib der nicht ausgewerteten Rechte beim Produzenten eine Win-Win-Situation für Gebührenzahler, Sender und Produzenten. Und die weiteren am kreativen Prozess der Entstehung Beteiligten könnten über Verwertungsgesellschaften am Erfolg partizipieren. Was haben die Gebührenzahler davon, wenn Programme im großen Stil unausgewertet bleiben, die eigentlich international erfolgreich sein könnten? Filmexport ist Kulturexport, das sollte man nie vergessen!