Der seltsame Herr Gurlitt

Die ersten Monate des Jahres haben einige unserer Redakteurinnen und Redakteure in Archiven verbracht, wo sie fieberhaft nach Kunst- und Filmschätzen gesucht haben, um einen unserer interessantesten Dokumentarfilme pünktlich fertig zu bekommen. Der Verzicht auf Karneval und Frühlingsbeginn hat sich gelohnt: „Der seltsame Herr Gurlitt“ ist ein brisanter Film geworden, der so ausführlich wie keine Dokumentation zuvor analysiert, was hinter der vermeintlichen „Raubkunst“ steckt, die in der Wohnung des Sammlers Cornelius Gurlitt gefunden wurde.

2010 fällt ein Mann deutschen Zöllnern beim Grenzübergang aus der Schweiz auf. Er führt Bargeld mit sich, knapp unter der erlaubten Grenze. Der Mann heißt Cornelius Gurlitt und ist damals 79 Jahre alt. Die Zollfahnder beschließen, ihn zu beschatten. Als Gurlitt im Jahr darauf ein kostbares expressionistisches Bild zur Auktion gibt, das für fast eine Million Euro versteigert wird, erwirken sie einen Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnung in München. Was die Fahnder dort Anfang 2012 entdecken, übersteigt ihre Erwartungen bei Weitem: eine riesige Kunstsammlung bestehend aus weit über 1000 Gemälden aller Epochen von ausgesuchter Qualität. Erschwerend kommt hinzu: Sie stammen aus dem Besitz von Gurlitts Vater Hildebrand, der in der NS-Zeit mit Kunst gehandelt hat. Der Verdacht kommt auf, dass es sich um „Raubkunst“ handelt, die Sammlung wird beschlagnahmt.

Die 52-minütige Dokumentation „Der seltsame Herr Gurlitt“ bietet die bisher umfassendste Aufarbeitung des Falls. Ebenso unaufgeregt wie versöhnlich gibt der Film auf Basis investigativer Recherchen überraschende Antworten. Das Drama um die Gurlitt-Sammlung wird dabei aus einer völlig neuen Perspektive beleuchtet. So enthüllt der Film auch die wahre Geschichte des Vaters Hildebrand Gurlitt und kommt zu einer erstaunlich positiven Bilanz über den angeblichen „Nazi-Raubkunst-Händler“. Interne Protokolle belegen, dass der gesamte Fall am seidenen Faden angeblicher Steuersünden hängt, die bis heute nicht bewiesen sind. Die Erforschung der Sammlung Gurlitt hat nur symbolischen Charakter. Die Beteiligten wissen, dass sich in den meisten Fällen nicht mehr klären lässt, wer die Vorbesitzer der Bilder waren.

„Der seltsame Herr Gurlitt“ ist eine Geschichte von Unwissenheit und Unsicherheit im Umgang mit der Vergangenheit, dem Unvermögen sie zu bewältigen und letztlich der Unmöglichkeit, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

ERSTAUSSTRAHLUNG: Mittwoch, den 19.03.2014 um 21:50 UHR auf ARTE

#1913film @arte (7)

Die wahren Künstler stecken ihre Nase ins Kokain – und tummeln sich am Montparnasse. Dieser festen Überzeugung war zumindest der Autor Apollinaire. Eine allumfassende Kokain-Sucht wollen wir den Künstlern des Jahres 1913 nicht unterstellen. Allerdings steckten sie in einem unglaublich produktiven Schaffensprozess – und tummelten sich wie heute am Montparnasse.

Paris entwickelte sich 1913 nämlich zum kreativen Zentrum Europas, wenn nicht sogar der Welt. Die Stadt war Treffpunkt, Wohnraum, Inspirationsquelle und Reiseziel für Künstler wie Picasso, Sartre, Debussy, Mrac, Braques, Matisse, Duchamp und Proust.

Die Kunsthistorikerin Cécile Debray nimmt uns in unserem Film „1913 – Tanz auf dem Vulkan“ mit auf eine Reise durch Paris und wandelt auf den Spuren der Kreativen, die die Kunst revolutionierten.

Die komplette kulturelle Stadtführung ist in unserem Film „1913 – Tanz auf dem Vulkan“ am 29. Mai um 20.15 Uhr auf Arte zu sehen.