Pionierleistungen aus NRW

Pioniere

Für den WDR haben wir drei Dokumentationen drehen dürfen, die drei spannende Menschen aus NRW vorstellen. In der Reihe „Doku am Freitag“ werden Mildred Scheel, Heinz Nixdorf und Karl Ludwig Schweisfurth porträtiert. Alle drei haben in bestimmten Bereichen Pionierarbeit vollbracht. Schweisfurth ist zum Beispiel einer der ersten Bio-Metzger – nachdem er die industrielle Schlachtung bewusst aufgegeben hat.

Matthias Schmidt hat Schweisfurths Leben und Arbeit für uns dokumentiert. Hier beschreibt er, wie er sich diesem spannenden Pionier aus NRW genähert hat:

„Beschäftigt man sich mit Karl Ludwig Schweisfurth, um ein erstes Treffen vorzubereiten, stößt man auf Fotos von einem Herren mit Lodenumhang und Filzhut und Wanderstock, der, umgeben von Schweinen und Hühnern, wie der Eremit vom Berge auf einer Weide steht. Auf einem dieser Bilder ist zu erkennen, dass er an seinem Filzhut einen kleinen Schinken baumeln hat, so wie manche einen Gamsbart tragen. Freundlich schaut er ja aus, aber sicher, denke ich, wird er ein Sonderling sein. Einer, der ausgestiegen ist aus der Tretmühle des Unternehmertums und nun mit seinem Geld Ökolandwirtschaft betreibt. Immerhin, mit diesem Gefühl wählte ich seine Nummer, tut er Gutes statt Autos und Yachten und Uhren zu sammeln. Sein Wandel interessiert mich, ganz professionell, der Neubeginn, der zweifache Pioniergeist, die Fähigkeit, nicht nur fremde Fehler Fehler zu nennen.

Was jetzt folgt, hat man als Journalist nicht gerne und gibt es erst recht nicht gerne zu. Weil Distanz zum Thema unabdingbar ist, so haben wir es gelernt. Ich rufe ihn an, und er, der wohlhabende und mit fast 85 Jahren ja doch nicht mehr ganz junge Mann, sagt spontan, wenn Sie mit der Bahn kommen, dann hole ich Sie in Grafing ab. Das ist dann einfacher für Sie. Es geht auch um mich, wie sympathisch, denke ich, darauf muss man ja erstmal kommen. Und dann führt er mich mit einer Ausdauer, die mich ins Schwitzen bringt, über seinen Hof und durch die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, erklärt, schwärmt, lacht und freut sich über die Natur und die Kunstwerke, die überall herumstehen und -hängen, und über glücklichen Tiere und den Geschmack des Fleisches (doch kein Vegetarier, zum Glück), und er ruht in sich und ist zugleich rastlos, und schon wieder denke ich, ja, so willst du auch mal werden. Nicht reich – ja gut, das auch – aber glücklich. Karl Ludwig Schweisfurth ist ein glücklicher Mensch.

Er lädt mich in sein Haus ein, kocht Tee, hört zu, erzählt. Und wenn er Lust auf ein Zigarillo hat, dann raucht er ein Zigarillo. Es wird ein Plaudern, an dem jeder Satz eine Bereicherung ist. Für den Film, natürlich, aber auch für mich persönlich. Schweisfurth erläutert, warum die „Landwerkstätten“ nicht mehr wachsen sollen, weil nämlich permanentes Wachstum der falsche Fetisch sei, und ich denke mir, der muss es ja wissen, das war sein ganzes erstes Leben – Wachstum. Und als ich ihm zugebe, dass ich das schon lange denke, nicht zuletzt, weil ich gelernt habe, dass die Bäume nicht in den Himmel und so weiter, dass ich das aber nur selten sage, weil es – zusammen mit meiner Herkunft ein seltsames Licht werfen könnte, da schmunzelt er und sagt, deshalb mache es halt besser er. Er kann es sich leisten. Es ist ein Gespräch, als kennten wir uns seit Ewigkeiten, dabei könnten wir unterschiedlicher nicht sein. Als er sein Fleischimperium Herta verkaufte, diente ich als Obermatrose bei der Volksmarine der DDR.

Natürlich findet einer wie ich, der vielbeschäftigt ist und zwar ordentlich durchs Leben aber kaum zum Nachdenken über andere Möglichkeiten kommt, es faszinierend, dass Karl Ludwig Schweisfurth mit Mitte 50 (ein bißchen Zeit habe ich also noch) sein Leben noch einmal komplett umgekrempelt hat. Aus dem Unternehmer mit Millionenumsätzen (und -vermögen) wurde ein Bio-Landwirt (mit Vermögen). Er hat es einfach gemacht, denke ich, und schon wieder: ja, das will ich auch. Im Hinterkopf habe ich zwar ständig den Gedanken, dass er es deshalb gemacht hat, weil er es sich leisten kann. Ich könnte es nicht. Aber natürlich ist das Blödsinn, sonst machten es ja alle.

Was man von Karl Ludwig Schweisfurth lernen kann ist etwas, das die wenigsten können: man kann sich verändern, man kann zugeben, dass man etwas falsch gemacht hat und es nun anders und vielleicht sogar besser machen. Das ist es, was er meint, wenn er sagt, man dürfe schon noch wachsen – in der Qualität. Um das zu schaffen, muss man freilich wach sein, muss neue Ideen und andere Meinungen zur Kenntnis nehmen, so wie Schweisfurth seinen Kindern zugehört hat und duldete, dass sie sein Leben als Fleischunternehmer nicht leben wollten. Man muss, wenn man überzeugt davon ist, auch mal gegen den Mainstream schwimmen und es aushalten, weil das ja weder üblich noch gewollt ist, wie ein Sonderling zu wirken.“

Die Dokus sind am
5. Juni (Mildred Scheel)
12. Juni (Heinz Nixdorf)
und 19. Juni (Karl Ludwig Schweisfurth)
jeweils um 20.15 Uhr im WDR zu sehen