Mein Zug in die Freiheit – Interview mit Matthias Schmidt

Unsere Dokumentation „Zug in die Freiheit“ ist bereits erfolgreich in der ARD und auf Arte gelaufen. Am 2. November ist der Film erneut im Fernsehen zu sehen: Um 20.15 Uhr im MDR. Am 4. November folgt um 22 Uhr – ebenfalls im MDR – ein kleines Experiment: Zum ersten Mal haben wir zu einer unserer Dokumentationen ein „Spin Off“ produziert. Im 45-minütigen Film „Mein Zug in die Freiheit – Was wurde aus den Prager Botschaftsflüchtlingen?“ begleitet der Regisseur Matthias Schmidt acht Protagonisten aus seinem Film „Zug in die Freiheit“. Die ehemaligen DDR-Bürger erzählen, was nach ihrer persönlichen Stunde null, nach dem Moment, als sie aus einem der Züge aus Prag stiegen und bundesdeutschen Boden betragen, in ihrem Leben passierte. Haben sich ihre Erwartungen vom Leben im Westen erfüllt? Wo und wie leben sie heute? Haben sie Ihre Ziele erreicht oder sind ihre Träume zerplatzt? 

Matthias Schmidt

Matthias Schmidt, Regisseur von „Mein Zug in die Freiheit“

Für Matthias Schmidt, der schon zahlreiche Filme für uns gemacht hat, war „Zug in die Freiheit“ und „Mein Zug in die Freiheit“ eine ganz besondere Erfahrung. Darüber haben wir mit ihm im Interview gesprochen.

Lieber Matthias, du hast in diesem Jahr zusammen mit Sebastian Dehnhart den Film „Zug in die Freiheit“ gedreht. Alleine hast du für „Mein Zug in die Freiheit“ Protagonisten des Films noch einmal besucht. Warum lässt dich das Thema nicht los?

Das Thema lässt tatsächlich nicht los. Das haben Sebastian Dehnhardt und ich gemerkt, als wir gemeinsam im Schnitt saßen. Da haben wir zum wiederholten Male die berühmte Passage der Geschenscher-Rede gehört – „Wir sind gekommen, um Ihnen heute Ihre Ausreise…“ und so weiter. Wir stellten fest, dass wir erneut Gänsehaut bei dem Satz bekamen. Die Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge ist eine unglaublich emotionale Geschichte. Und wir konnten sie in „Zug in die Freiheit“ emotional erzählen, weil die Menschen bereit waren, uns in langen Gesprächen diesen wichtigen Teil ihres Lebens zu schenken. Leider konnten wir nicht alle ihre Geschichten so ausführlich erzählen, wie sie es verdient hatten. Da hat es mich gefreut, dass der MDR uns die Möglichkeit gab, mit „Mein Zug in die Freiheit“ manche Story noch zu vertiefen. Etwa die von Melanie Stütz, die als zehnjährige mit ihrem Vater die Flucht antrat und im Westen dann mit ihrem Mann eine Weltreise in einem Traghubschrauer gemacht hat. Sie hat also das ultimative Freiheitsgefühl ausgekostet. Wir treffen auch Jens und Jörg wieder, die in Reichenbach auf den Zug aufgesprungen sind und für deren spektakuläre Story in „Zug in die Freiheit“ einfach nicht genug Erzählzeit da war. Spannend ist, dass alle acht Schicksale, die wir erzählen, am gleichen Punkt starten – vor 25 Jahren am Bahnhof des bayerischen Örtchens Hof. Und doch machten sie ganz unterschiedliche Erfahrungen.

Melanie Stütz

Melanie Stütz und ihr Mann reisten im Traghubschrauber um die Welt.

Sind die meisten Flüchtlinge im Westen geblieben? Oder sind viele auch in den Osten zurückgekehrt?

Sowohl als auch. Einen Trend gibt es nicht. Viele haben im Westen genau das gefunden, was sie gesucht haben und haben hier Wurzeln geschlagen. Einige sind aber auch in den Osten zurückgekehrt. Darum geht es aber auch nicht wirklich. Vielmehr geht es mir darum, Lebensgeschichten lebendig zu machen. Denn Roman Herzog hatte schon ganz recht, als er einmal sagte: „Erzählt euch eure Lebensgeschichte, das ist ein guter Weg“. Das müssen wir jetzt tun. Wir müssten uns unsere Lebensgeschichten erzählen, um das Bild unserer Geschichte zu komplettieren. Denn leider war „Der Zug in die Freiheit“ in den letzten 25 Jahren ja nur eine Fußnote in der Aufarbeitung der Wiedervereinigung.

Christian Bürger

Der DDR-Flüchtling Christian Bürger vor dem „Landgasthof“, wo er heute arbeitet.

Wie hast du die Reaktion auf „Zug in die Freiheit“ erlebt? Vor allem die der Protagonisten?

Christian Bürger, mit dem ich mittlerweile auch befreundet bin, hat damals nach dem Interview für den Film erschöpft gesagt: „Du hast mich aber ganz schön gequält.“ Ich will natürlich niemanden quälen, aber Vergangenheitsbewältigung tut leider immer ein wenig weh. Doch es lohnt sich. Wir hatten tolle öffentliche Vorführungen – etwa in Prag vor 2.500 Menschen, wo der Film sehr emotional aufgenommen wurde und viele ehemalige Flüchtlinge sich von ganzem Herzen bedankt haben. Das wusste ich, dass sich der Schmerz und all die Arbeit ausgezahlt hatten. Ein absolutes Highlight war natürlich eine Vorführung in Prag mit mehreren hundert Botschaftsflüchtlingen vor dem berühmten Balkon. „Mein Zug in die Freiheit“ soll noch einmal ein letztes Dankeschön an all die Menschen sein, die sich uns so weit geöffnet und an ihrem Schicksal haben teilhaben lassen.