Cornelius Gurlitt – Ein Nachruf

Cornelius Gurlitt war schon lange sehr erschöpft. Vor allem, wenn er über seine Bilder sprechen musste, klang seine Stimme schwach und leise. „Ich hoffe, dass ich sie wiederbekomme. Ich nehme das dann still zurück erstmal.“ Mit diesem Zitat endet unsere Dokumentation „Der seltsame Herr Gurlitt“, die im März auf Arte zu sehen war.  Am 9. April bekam Gurlitt seine Bilder wieder. Er konnte sich nur noch einen knappen Monat lang über sie freuen. Heute ist Cornelius Gurlitt verstorben.

Ein halbes Jahr lang haben wir den Fall recherchiert. Dabei wurde uns deutlich, wie schwer es ist, sich im Drama rund um Cornelius Gurlitt zu positionieren. Noch 2012 ist er völlig unbekannt und meidet den Kontakt zur Außenwelt. Aus seinem Einsiedlerdasein bricht Gurlitt im September 2011 aus. Er meldet sich beim Kunsthaus Lempertz, um das Max Beckmann-Meisterwerk „Löwenbändiger“ zu verkaufen. Das Bild erzielt die Summe von 864.000 Euro und sichert Gurlitt den Lebensunterhalt. Was damals noch niemand ahnt: Gurlitt hortet in seiner kleinen Stadtwohnung 1280 Bilder, die er von seinem Vater geerbt hat. Auf der Rückseite des „Löwenbändigers“ entdecken die Experten einen alten  Aufkleber von Alfred Flechtheim. Der jüdische Galerist musste schon im Mai 1933 emigrieren. Ist der Beckmann „Raubkunst“? Noch vor der Versteigerung wird ein Kompromiss zwischen Gurlitt und den Flechtheim-Erben geschlossen. Der Erlös aus dem Bild wird geteilt.

Der Fall ist ausgeräumt und wird nicht weiter verfolgt. Doch Gurlitt wird bereits seit September 2010 observiert. Damals fiel er bei einer Routinekontrolle des Zolls im Eurocity von Zürich nach München auf. Gurlitt hatte 9000 Euro bei sich, knapp so viel wie unter der anmeldepflichtigen Grenze erlaubt ist. Wovon lebt der Mann? Die Zollfahnder wenden sich an die zuständige Staatsanwaltschaft in Augsburg. Der Raubkunstvorwurf im Falle des „Löwenbändigers“ alarmiert die Ermittler. Gurlitts Wohnung wird im Februar 2012 durchsucht, alle Bilder werden konfisziert.

Ihre Spur führt ins Jahr 1968 zurück: Als seine Mutter stirbt, erbt Cornelius Gurlitt die Werke aus dem Nachlass des Vaters. Hildebrand Gurlitt ist in den 30er Jahren Direktor des König Albert Museums in Zwickau. Wann immer er kann, kauft er Kunstwerke der Moderne für das Museum an. Doch moderne Kunst ist politisch nicht gewollt – und die Nazis wissen von Gurlitts jüdischer Großmutter. Als Kunsthändler kann er moderne Kunst nur noch heimlich unterm Ladentisch verkaufen. Die Verkaufslisten belegen: Gurlitts „Handelsware“ setzt sich unter anderem aus ehemaligen Museumsbeständen zusammen. 4000 Kunstwerke übernimmt Gurlitt, obwohl mit Druckgrafik kein großes Geschäft zu machen ist. Doch er weiß, dass diesen Blättern die Vernichtung droht. 500 behält er selbst, den Rest verkauft er. In „Der seltsame Herr Gurlitt“ stellt die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann klar: „Man kann nicht einfach so sagen, dass diese Werke durch die Kunsthändler gerettet worden sind. Aber ich glaube schon, sobald man an diese Werke herankommt und auch weiß, in welche Sammlung man sie vermittelt, hat man das Gefühl, dass sie da sicherer sind, als irgendwo anders.“ Zudem waren die Versuche, mit dem Verkauf der Gemälde die Flucht zu sichern, oft hoffnungslos. So berichtet Irene Lawford-Hinrichsen, Enkelin des jüdischen Kunstsammlers Henri Hinrichsen: „Mein Großvater wurde gezwungen, seine Gemälde zu verkaufen. Das Geld, das er dafür bekam, ging direkt weiter für die Zwangssteuer.“

Dramatische Geschichten über die dunkelsten Stunden der deutschen Vergangenheit wurden durch den Fund von Gurlitts Bildern zu Tage gefördert. Geschichten, die die Gesellschaft herausgefordert und Cornelius Gurlitt am Ende seines Lebens schwer belastet haben.

Der Text basiert auf Recherchen zur Dokumentation „Der seltsame Herr Gurlitt“ der hier erhältlich ist.