#1913film @arte (10)

„Die letzte große Adelsparty vor dem großen Krieg“ – ein treffender Titel für die letzte Zusammenkunft der Monarchen des alten Europas. Es ist die Überschrift eines Essays der Redakteurin Dr. Claudia Becker über die Hochzeit zwischen Kaiser Wilhelms Tochter Viktoria Luise von Preußen und dem Welfenprinz Ernst August. Der Text erschien in der Welt am Sonntag.

Die promovierte Historikerin Dr. Claudia Becker unterhielt sich mit uns über Viktoria Luise und wie sie den gesellschaftlichen Umbruch nach 1913 erlebt hat.

Dr. Claudia Becker

Dr. Claudia Becker

Wie war wohl die Stimmung auf der Hochzeit zwischen Viktoria Luise und Ernst August? Immerhin waren alle wichtigen Monarchen Europas anwesend, haben die alle nichts vom Krieg geahnt?

Ich glaube nicht, dass der Adel in jenen Tagen im Mai 1913 in ernsthafter Krisenstimmung war. In ihren Memoiren betont Viktoria Luise, wie harmonisch es auf ihrer Hochzeit zuging. Es war ja ein Familientreffen. Kaiser Wilhelm, Zar Nikolaus und König George waren Vettern. Sie haben am Rand der Hochzeitsfeierlichkeiten ein Freizeitprogramm mit Ausflügen und Paradebesuchen genossen.

Victoria Luise und Prinz Ernst August III. von Hannover

Victoria Luise und Prinz Ernst August III. von Hannover

…und doch hat man gleichzeitig mobil gegeneinander gemacht?

Ja, vor allem England und Deutschland lieferten sich seit einigen Jahren ein Wettrüsten, das das erste große der Weltgeschichte war. Die Regierungen verkauften der Öffentlichkeit die Aufrüstung der Flotten als notwendige Abschreckungspolitik.  Und in der Bevölkerung der jeweiligen Staaten wurde die Angst vor der Bedrohung durch die Royal Navy beziehungsweise durch die deutsche Marine geschürt. Allein vor diesem Hintergrund war das große Zusammentreffen des Adels doch skurril.

Als nach dem Krieg dann die Monarchie am Ende war, wurde da nicht auch Viktoria Luise als skurriles Relikt einer anderen Zeit wahrgenommen?

Sie war ein Relikt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1980 gab sie sich kaisertreu. Sie hat ihren Vater über alle Maßen geliebt und bewundert. Sie hat sich auch immer als eine Landesmutter gesehen, die sie natürlich nicht war. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie 1954 von Schloss Marienburg in eine Villa nach Braunschweig um, wo sie in einem Mikrokosmos lebte, in dem die Monarchie konserviert wurde.

Prinzessin Viktoria Luise von Preußen

Prinzessin Viktoria Luise von Preußen

Das heißt, sie konnte sich den modernen Zeiten nicht anpassen?

Das kann man so nicht sagen. Viktoria Luise nahm am modernen Leben teil, hat gerne getrunken und geraucht und Aufmerksamkeit genossen. Und sie war sehr sozial engagiert. Dass sie sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollte und sich bewusst zu einer schillernden Figur der Yellow Press machte, hat schließlich zum Streit mit der Familie geführt. In Braunschweig war sie eine Instanz, Viktoria Luise galt als hilfsbereit und den Menschen zugewandt. Sie war keine Diva. Mein eigener Ur-Großvater war 1913 in Metz stationiert und ist Viktoria Luise begegnet. Er erzählte immer, dass sie bei einem Truppenbesuch unglaublich freundlich wirkte und ihm eine Rolle Drops geschenkt hat…

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